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Raimar Stange

Open mind
Zur künstlerischen Arbeit von Katrin Glanz

I.
Basisarbeit: Im Rahmen der Kunstaktion „48H Neukölln – Perspektivwechsel“ forschte Katrin Glanz über den Stellenwert, den Kunst und Künstler für den „Mann auf der Straße“ besitzt. Fragen wie z. B. „Wann spricht Kunst sie an und warum“ also standen in dem Projekt „Artist asks. Ask artist“, 2013, zur Disposition. Dazu sprach die Künstlerin in Berlin mit Passanten und Besuchern des Richardplatzes und diskutierte mit ihnen über ihr Verhältnis zur Kunst. Statements dieser Gespräche wurden dann auf kleinen Notizblättern aufgeschrieben. Diese Blätter wurden von der Künstlerin gesammelt und schließlich an eine Pinnwand geheftet, so dass die Sentenzen, z. B. „Sinnliche Lust an Intuition mit Humor die Welt anders sehen“, „Weil es so schön pervers und subversiv aussah“, „Sport finde ich besser“ oder „Hat mich verändert“ von anderen Passanten nachgelesen werden konnten. Wohlkalkuliert hat Glanz hier eine Reflexion über das Betriebssystem Kunst vorgenommen, die, anders als bei der sogenannten „Institutional critique“ der 1980er und 1990er Jahre, nicht im Kunstbetrieb selbst stattfand, diesen stattdessen aber „von .Außen“ kritisch beleuchtete.

II.
Bereits diese Aktion von Katrin Glanz macht deutlich: Ihre Kunst ist in den letzten Jahren weniger werk- als projektorientiert angelegt. Als „offene Kunstwerke“, ganz im Sinne von Umberto Eco, geben ihre Interventionen und performativen Aktionen ein situatives Setting vor, das dann von den TeilnehmerInnen ihrer partizipatorischen Arbeiten mit Leben gefüllt wird. Wie dieses im Laufe der Projekte, die des Öfteren auch in Kooperation mit anderen Künstlern durchführt werden, von statten geht kann die Berliner Künstlerin letztlich nicht genau vorhersagen, lässt sie doch stets den bei ihr interaktiv Mitmachenden so etwas wie einen quasi „undefinierten basisdemokratischen“ Spiel- und Freiraum. Im gerade beschriebenen Projekt „Artist asks. Ask Artist“ etwa wusste Glanz vorher nicht, welche Sätze am Ende auf ihrer Pinnwand nachgelesen werden konnten. Umberto Eco hatte eine solche künstlerische Strategie in seinem wichtigen Buch „Das offene Kunstwerk“ (1962) bereits so beschrieben: „Der Künstler, so kann man sagen, bietet dem Interpretierenden ein zu vollendendes Werk: er weiß nicht genau, auf welche Weise das Werk zu Ende geführt werden kann, aber er weiß, dass das zu Ende geführte Werk immer noch sein Werk, nicht ein anderes sein wird, und dass am Ende des interpretativen Dialogs eine Form sich konkretisiert haben wird, die seine Form ist, auch wenn sie von einem anderen in einer Form organisiert worden ist, die er nicht völlig vorhersehen konnte“. Offensichtlich knüpft Katrin Glanz mit ihrer Kunst zudem an die partizipatorische „relational Ästhetik“ (Nicolas Bourriaud) der 1990er Jahre an, anders als diese aber verortet sie ihre Projekte nicht vornehmlich im Inner Circle des hehren Kunstbetriebes, also z. B. in Galerien oder Kunstmuseen, sondern, wie bereits angedeutet, meist im öffentlichen Raum des sogenannten „richtigen Lebens“. Eben dieses macht nicht zuletzt die politische Qualität ihrer Arbeit aus.

III.
Ein gutes Beispiel für die engagierte Kunstarbeit von Katrin Glanz sind auch ihre vier Projekte, die sie 2014 – 2015 in der „VIERTEL BOX“ konzipiert und organisiert hat. Die „VIERTEL BOX“ ist, ursprünglich organisiert von Samo Darian, Katrin Glanz, Kerstin Gust, Anna Müller und Katja Sussner, ein Veranstaltungsort im Märkischen Viertel in Berlin, der zweimal in der Woche als Treff vor allem für die Bewohner dieses Kiezes agiert. Auf dem Programm des Aktionsraumes stehen
z. B. Filmabende, Workshops und Stadtspaziergänge. Hier realisierte Katrin Glanz im Juni 2014 ihr erstes Projekt „VIERTEL TORTE – Das selbstgebackene Viertel“. Anspielend auf das kreisrunde Logo des Märkischen Viertels initiierte Glanz einen Back-Wettbewerb, an dem die BewohnerInnen des Märkischen Viertels teilnehmen konnten. Sie waren aufgefordert eine (runde) Torte zu backen, die in irgendeiner Weise Bezug nimmt zu ihrem Kiez, gleichsam ein Porträt von diesem ist. Drei Torten dann wurden preisgekrönt, fotografiert und als Postkarte gedruckt. Alle Torten wurden genüsslich gemeinschaftlich verspeist. Diese künstlerische Aktion förderte nicht nur den Zusammenhalt der Menschen, sondern regte zudem auch ihre (nachdenkliche) Kreativität an. Das zweite Projekt brachte unter dem Titel „Wiesentanz“ ebenfalls die Bewohner des Kiezes zusammen, dieses Mal lud die Künstlerin zum Tanzen unter freien Himmel ein. So wurden dann im September 2014 auf einer Wiese im Märkischen Viertel zu Live-Musik diverse Volkstänze aus Europa getanzt – das vergnügliche Tanzen wurde dadurch eben auch zu einer „aktiven Traditionspflege“. Im dritten Projekt dann erinnerte Glanz daran, dass 25 Jahre zuvor noch eine Mauer das Märkische Viertel von Ost-Berlin getrennt hat. Dazu ließ sie auf einer Wiese am ehemaligen Mauerstreifen für einen Nachmittag im November 2014 Schafe weiden. Die Tiere nutzten die Zeit um zu grasen – das sprichwörtliche Gras, das über die Geschichte zu wachsen droht, wurde so ein Stück weit entfernt. Der Titel der Aktion „Da ist Gras drüber gewachsen“ spielt dann auch auf genau diesen so konkreten wie metaphorischen Vorgang an. Mit dieser dritten Intervention verschob Glanz den Schwerpunkt ihrer Aktionen behutsam vom eher unterhaltsamen Charakter der ersten zwei hin zu einem vornehmlich diskursiv angelegten. Diese Verschiebung wurde deutlich vor allem auch im letzten Projekt „Wie (zusammen) leben?“: Glanz lud im Juli 2015 den Philosophen und Juristen Dr. Bertram Lomfeld zu einer Diskussionsstunde in die „VIERTEL BOX“ ein, in der über Möglichkeiten eines sozial gerechteren Zusammenlebens gestritten und reflektiert wurde. Wichtige Statements aus der lebendigen Diskussion mit den Besuchern der Veranstaltung wurden dann auf einer Pinnwand festgehalten. Da stand dann z. B. zu lesen: „Freiheit sichern gegen den Staat“, aber auch „Staat = Sicher“.

IV.
Katrin Glanz‘ Interventionen und performative Aktionen verstehen sich offensichtlich nicht als autonome Kunst, die mit mehr oder weniger formal ansprechenden Vollendungen lediglich einer passiven Rezeption Genüge leistet. Vielmehr stellt die Künstlerin prozessuale Projekte zur Diskussion, die nicht nur ihre Gegenüber tendenziell gleichberechtigt dialogisch mit einbeziehen in das ästhetische Geschehen, sondern dabei zudem auch pragmatisch intervenieren in den sozialen Alltag der Menschen. Ein „interesseloses Wohlempfinden“ (Immanuel Kant) sucht man hier vergebens, dafür findet man ein engagiertes Suchen nach einer lebenswerteren Welt.